Der Froschkönig (I & II)

Es war einmal ein fetter, grüner Frosch, der mit seiner nach heutigen Maßstäben durchaus protzigen Krone am Rande eines Brunnen saß und gedankenverloren seine Schallblasen pumpte. ("Das geht ja gut los", werden Sie jetzt vielleicht denken, "soll ich mich etwa mit einer Kröte identifizieren? Was habe ich denn bitteschön mit einer hässlichen grünen Amphibie gemein? Wird das wieder eine von diesen Fabeln, bei denen die Tiere alle nur menschliche Eigenschaften haben bis auf die ein, zwei, die für die Handlung nützlich sind?" Und sie haben ja durchaus recht. Bis auf die offensichtliche Parallele, dass Sie (oder zumindest eine Hälfte von Ihnen) auch einmal aussahen wie eine Kaulquappe (wobei Sie damals natürlich von der stattlichen Größe einer solchen weit entfernt waren) gibt es nur wenig, was einem auf Anhieb in den Sinn kommt, dass man mit einem solchen Tier gemein haben könnte. Warzen, vielleicht, falls Sie welche haben. Aber nur Geduld! Sogleich werden wir diese Paranthese wieder schließen und mit der Beschreibung in einer Art und Weise fortfahren, die es Ihnen erleichtern wird, sich emotional an unserem Protagonisten zu beteiligen, falls Sie überhaupt dafür empfänglich sind natürlich nur.) Gelangweilt blickte er über seinen Teich und dachte unbestimmte, grimmige Gedanken, die mit der Enge und Ereignislosigkeit seines Habitats zusammenhingen.

Dabei war er nicht wirklich gelangweilt, wie es unsereiner bei dieser nicht sehr spannenden Tätigkeit wahrscheinlich gewesen wäre; der Froschkönig konnte wie alle Frösche jede beliebige Zeitspanne meditativ überbrücken und seine Gedanken einfach fließen lassen - er musste dafür nicht einmal bestimmte Atemübungen machen oder einen Urlaut summen. Nein, der Froschkönig machte einfach enge Augen, waberte mit den Blasen und war im Nu ganz frei vom Balast eines Intellekts, der unentwegt etwas denken muss, weil er nun mal da ist, und sogar Nachts im Traume abstrußeste Geschichten erfindet, weil er ohne das Denken und in Bahnen lenken und ein- und umsortieren nun mal nicht sein kann. Wenn der Froschkönig träumte, dann von Lichtermeeren, in denen er schwimmen konnte, ohne jemals Luft zu holen, und von Fliegen, die fett und saftig in seinem Mund vibrierten.

Zumindest war es normalerweise so. Heute jedoch lag ihm eine unbestimmte Melancholie, ja fast schon Schwermut auf der Seele. Die Sonne schien weniger hell zu sein, der Tümpel noch ein wenig trostloser als sonst, und nicht einmal die stattliche Schmeißfliege, die er vorhin erst mit seiner Zunge eingefangen hatte, hatte ihn wirklich aufmuntern können. Wenn es nicht gar so ein Klischee von adligem Verhalten darstellen würde, dann hätte der Froschkönig schon längst geseufzt - einen tiefen, schweren, langen Seufzer, der direkt aus der Seele kommend durch den Mund enflieht und bei dem er nicht mal wüsste, warum er ihn seufzte.

So gingen sieben mal sieben Tage und Nächte ins Land, und der Froschkönig saß auf seinem Brunnenrand und waberte und wenn sich auch sein Zustand nicht verschlimmerte und er nicht wirklich von einem Leiden hätte sprechen wollen, dass ihn dergestalt befallen habe, so konnte er im Gegenzug auch nicht behaupten, es ginge ihm im eigentlichen Sinne gut. (Zum Glück fragte einem am Tümpel so gut wie nie jemand, wie es "einem denn ginge", was den kleinen grünen König der moralischen Zwickmühle enthob, entweder lügen oder seinen gegenüber über Gebühr mit Details einer auch ihm selbst nur sehr unklaren Situation irritieren zu müssen, beides Möglichkeiten, die sein blaues Blut klumpig gemacht hätten vor lauter Unbehagen).

Am neunundvierzigsten Tage jedoch geschah etwas - zunächst unbemerkt von der Eminenz des Teiches, die in einen etwas tieferen Schlummer verfallen war, den man sich als Frosch in der storchfreien Jahreszeit ab und an gönnte. Bald jedoch erwachten die Sinne des Froschkönigs und nahmen hinter den Traumgebilden, die durch seinen kleinen Froschkopf trieben, immer deutlicher ein Geräusch wahr, das nicht in den ständigen Schallteppich gehörte, den die zahlreichen zirpenden, schnatternden und singenden Tümpelbewohner um das Wasser woben. Eine Art schnüffeln, oder ein gar seltsamer Vogellaut, oder ein kleines Säugetier, dass irgendwelchen rätselhaften Säugetierprobleme hatte.

Nur langsam nahm er wahr, dass es eine Menschenstimme sein musste, die diese Laute produzierte - eine weibliche natürlich. Ein tiefempfundens Leid sprach aus ihr, und jedes Schluchzen (denn dies war es, was er hörte) war eine schmerzliche Frage an die Welt, warum sie soviel Leid zulassen konnte, ohne einzuschreiten. Wir wollen an dieser Stelle nicht spekulieren, was genau den Froschkönig nun dazu veranlasste, einzuschreiten, und die Quelle dieses Geräusches aufzuspüren; sei es, dass er neugierig war (vielleicht gab es ja doch einen kleinen Teil von ihm, den es störte, dass in diesem Teich so wenig geschah), oder er helfen wollte (er war durchaus zu Edelmut befähigt, wenngleich ihm auch, und da würde er uns sicher recht geben, das Konzept menschlich-männlicher Ritterlichkeit fremd war), oder ob er einfach einen Weg suchte, dieses doch durchaus schreckliche Geheule abzustellen (ein egoistisches Motiv, wie sie Helden in Märchen selten offen zugeben), oder etwas ganz anderes - gleich, was seine Motivation letzendlich war, er machte sich auf den Weg hin zu der Stelle, von der die selten gehörten Klänge auszugehen schienen.

An dieser Stelle, ein Stein, der so geformt war, dass man auf ihm bequem rasten konnte, einem überdimensionalem Kiesel gleich, saß eine Prinzessin. Der Frosch wusste sofort, dass sie eine war, ohne erst ihren Stammbaum sehen zu müssen oder sie nach ihrer Blutsherkunft zu fragen. Kleidung, Haltung, die Art, wie sie ihr Leid zeigte - all das schrie für ihn geradzu nach royaler Erziehung: Einerseits zeigte sie eine innere Distanz zu dem, was sie tat (herzergreifend weinen), die äußerst aristokratisch wirkte, andererseits schien sie aber auch in dem Bewusstsein zu leiden, dass die ganze Welt Anteil nahm - zu perfekt waren ihre Gesten oder auch nur die Art, wie ihre Beine den Rundungen des Steines folgend zu Boden flossen. Er wollte ihr keineswegs unterstellen, dass ihr bewusst klar war, wie sie hier posierte, oder dass ihr Leiden nicht echt empfunden war - aber er konnte nicht umhin, ein klitzekleines Element von Schauspiel und Darstellen festzustellen, eine Art von in Szene setzen, die normalerweise im Gegensatz zu der romantischen Vorstellung davon stand, wie eine unverstellte Persönlichkeit ihr Leiden empfand und ausdrückte.

Im selben Sekundenbruchteil, als der Froschkönig dies feststellte, beschloss er auch, die Prinzessin nicht deswegen zu verurteilen - was wusste er schon, eine einfache Amphibie, von dem Leben am Hofe, von dem Druck, unter dem man dort stand, und von der inneren Verantwortung, die diese Rolle einem eingab - wer war er, einen Menschen, der derart im öffentlichen Interesse stand, mit Maßstäben richten zu wollen, die für jedermann und alle anderen galten. Er versuchte also, einen offenen Geist zu haben, und in dieser Stimmung näherte er sich der Prinzessin.

In dem Moment, als sie ihn erblickte, kippte ihr Klagelaut (der siebenundneunzigste, nach des Königs Zählung (er hatte etwas gebraucht, sie zu erreichen - Krötenwanderungen waren nun einmal keine hektischen Angelegenheiten)) in etwas ganz anderes - je nach Standpunkt konnte man die sicherlich vorhandenen Anteile von Entsetzen, Ekel, Überraschung und Neugier anders gewichten, aber der Froschkönig hatte, als er ihre Reaktion auf seinen Anblick vernahm, ein sehr deutliches Gefühl von Zurückweisung. So saßen sie sich nun gegenüber, der Froschkönig und die Prinzessin, und beide betrachteten den anderen und bekamen so einen ersten Eindruck von demjenigen, der sie im weiteren Verlauf der Geschichte schwer beschäftigen sollte.

Fortsetzung folgt